EXPOSITION en cours

libres

DU 23 NOVEMBRE 2019 AU 9 FEVRIER 2020

Weil die Kunst es uns erlaubt, Abstand zu nehmen und nach möglichen Ersatzlösungen für das aus dem 18. Jahrhundert stammende Strafsystem zu suchen, das in Europa nach der Französischen Revolution für eine humanere Behandlung von zuvor zu körperlicher Züchtigung verurteilten Straftätern eingeführt wurde, und weil die Einsperrung nicht nur eine Frage des Strafvollzugs ist, sondern auch ganz allgemein und untrennbar - in gefühls- und entscheidungsmässiger Hinsicht und aus inneren wie äusseren Gründen - mit der Condition humaine verbunden ist, vereint «libres» Kunstschaffende aus aller Welt (Algerien, Frankreich, Grossbritannien, Griechenland, Italien, Libanon, Palästina, Panama, Schweiz, Slowenien, Türkei, USA), um Denken, Gewalt und kreatives Schaffen miteinander zu verknüpfen.

In einer rosa Umgebung, die an das 1979 in den Vereinigten Staaten von Dr. Alexander G. Schauss entdeckte Pink P-618 erinnert - aufgrund seiner beruhigenden Wirkung wird es, wie ein Video von Ali Kazma zeigt, in einigen Haftanstalten verwendet -, führen Zeichnungen, Videos, Skulpturen, Installationen und Fotografi en einen Dialog über Fragen der Kunst und des Gefangenseins im weiteren Sinn.

«Lieber verbrannt als gefangen» schreibt Robert Montgomery in Leuchtbuchstaben, uum das Szenario von «libres» mit einem Hauch Freiheit zu eröffnen. Der gleiche Impuls veranlasst Sylvie Fleury, an einem Turm des Schlosses von Yverdon-les-Bains eine Leiter aus Leintüchern für die Flucht nach Anderswo anzubringen.

Nach dem Muster von Piranesi, dessen Imaginäre Gefängnisse unter anderem in metaphorischer Weise die in ihrem Körper eingeschlossene Seele versinnbildlichen, zeigt Laure Tixier ein ähnliches angsterregendes Universum, das durch einen Kontrast von Formen und Farben in der Art von Süssigkeiten verstärkt wird. Auf einer anderen Ebene erzählt Sarah Carp von ihrem Gefühl extremer Einsamkeit, das sie während ihrer beiden Schwangerschaften erlebte (zu entdecken im Théâtre de l’Échandole). Moumen Bouchala hinterfragt die angebliche Freiheit der Informatik mit einem Fenster (Windows), das die Begriffe Transparenz und Überwachung aufgreift, ohne die Idee der Öffnung und des Blickpunkts aufzugeben. Im Gegensatz dazu unterbindet Céline Cadaureille jede Verbindung zur Aussenwelt, da ihre Maison Boulet von häuslicher Gewalt zeugt.

Formzwänge kommen in den minimalistischen Notizbüchern von Orianne Castel zum Ausdruck: ein Ensemble aus Gittern, Vertikalen und Horizontalen, die als elementare Strukturen der Einsperrung zu verstehen sind. Einen engen vergitterten Raum, der im Massstab des menschlichen Körpers zu erfahren ist, bietet Nikos Stathopoulos dem Besucher an. Ein ähnlicher Raum ist auch in der Arbeit von Pavlos Nikolakopoulos zu erkennen: Ein beklemmender Kreis prangert den gegenseitigen Verrat von Menschen, Justizirrtümer und das Los der Imstichgelassenen an, die auf dem Boden liegen und hier symbolisch auf einen Knochen reduziert sind.

Um die Gefangenschaft zu ertragen, spielt das kreative Schaffen als Form von Menschlichkeit eine grundlegende Rolle. Sechs aus dem Lager Khiam befreite Häftlinge - es lag in der von Israel besetzten Zone, wurde 2000 geschlossen und 2006 zerstört - bezeugten vor den Kameras von Joana Hadjithomas und Khalil Joreige, wie es ihnen gelang, dank der heimlichen Herstellung von Objekten zu überleben. Wer im palästinensischen Lager Sabra in Beirut geboren wird, lebt hinter Stacheldraht. Kein Wunder, dass dieser das Lieblingsmaterial von Abdul Rahman Katanani ist, aus dem er hoffnungsvoll seine Skulpturen webt (sie sind zudem im Eisen- und Eisenbahn-Museum Vallorbe zu entdecken). Der Alltag von Napo, der gegenwärtig in einem Schweizer Gefängnis einsitzt, erhält Sinn durch die Fortsetzung seiner künstlerischen Arbeit, die er vor seiner Verurteilung begonnen hatte. Jackie Sumell verleiht dem Traumhaus von Herman Wallace Leben, der 25 Jahre in einem amerikanischen Gefängnis verbrachte; er war ein ehemaliger Anhänger der Black Panthers, gleich wie Angela Davis - ihr Porträt malte Muriel Décaillet -, die ausrief: «Die Geschichte des schwarzen Volkes in den Vereinigten Staaten ist eine Geschichte des Kampfgeistes, man muss Widerstand leisten.»

Beobachtet von Valérie Horwitz, beginnt ein minderjähriges Mädchen unbefangen einen improvisierten, spontanen Tanz vor - freilich überhohen - Mauern. Klavdij Sluban brachte die Fotografi ein viele Gefängnisse, um unter diesem Vorwand in Ländern wie beispielsweise Russland oder der Schweiz die Begegnung mit den Insassen zu suchen, bevor er alles stoppen musste - weil er den Gefangenen «zu viel Gutes tat» und die Strenge des Systems darunter gelitten hatte. Die Farbfotografi en, die Patrick Gilliéron Lopreno präsentiert, beruhen auf dem Blick der Gefangenen auf ihre direkte Umgebung - eine Sicht auf dieses Randleben, das den Künstler besonders interessiert, wie das Leben in Klöstern, die er mit Haftanstalten vergleicht. Zudem sei Jhafis Quintero erwähnt, der in seiner Jugend nichts als Kriminalität gekannt hatte und in einem Gefängnis-Workshop die Kunst kennenlernte. Nach Verbüssung seiner Strafe wurde er Künstler und positioniert sich nun als Hauptakteur seiner Werke, die tief von der Erfahrung der Einsperrung geprägt sind (seine Zeichnungen sind im Théâtre de la Tournelle in Orbe ausgestellt).

Schliesslich kann Kunst manchmal direkt auf Gefängnismauern appliziert werden: Stefan Banz und Christian Gonzenbach waren jeweils Preisträger eines Kulturprozents zweier Schweizer Institutionen. Malte der erste 84 Namen verurteilter oder inhaftierter Personen - mit dem Titel eines von ihnen geschaffenen Werkes - auf die Wände des Gefängnisses von Kriens (seine Intervention Echos von 1998 wird im Rahmen von «libres» im CACY, in Orbe und in Vallorbe wiederholt), wartet der zweite noch immer auf die Ausführung seiner Palmenskulptur, die von einem Gefangenen-Graffi ti auf einer Mauer des Neuenburger Gefängnisses inspiriert ist.

Karine Tissot (Übersetzung Hubertus von Gemmingen)

Texte en français

Autour de l'exposition

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Ville d'Yverdon-les-Bains
   
   
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