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L’HEURE QU’IL EST

DU 29 AOÛT AU 1ER NOVEMBRE 2015
VERNISSAGE LE 29 AOÛT À 17H

 

- Entschuldigung, haben Sie die genaue Uhrzeit?
- Nein, tut mir leid, ich habe Zeit und brauche deshalb keine Uhrzeit.
Die Zeit haben, die Zeit totzuschlagen, ohne die genaue Uhrzeit zu kennen…

Heute kommt es selten vor, dass jemand nicht weiss, wie spät es ist, da jedes Handy und jeder Tablet-Computer die Zeit anzeigt. Obwohl es stimmt, dass wir keine Uhr mehr zu tragen brauchen, ist der Fortbestand der Uhrenindustrie durch ihre kulturelle, geschichtliche oder künstlerische Bedeutung gesichert. Und nicht nur von Zeit zu Zeit stellt man fest, dass sich die zeitgenössischen Kunstschaffenden bemühen, der Zeit auf die Sprünge zu helfen.

Die Gruppenausstellung L’Heure qu’il est (nach dem Titel des Buches von David S. Landes) präsentiert Werke, die sich durch ihre visuelle, metaphorische oder philosophische Poesie auszeichnen, diese aber auch gelegentlich im Sinne einer grundsätzlichen Auseinandersetzung in Frage stellen. L’Heure qu’il est ist eine Fortsetzung der Ausstellung L’Eloge de l’heure, die bis zum 27. September 2015 im Mudac (Musée de design et d’arts appliqués contemporains) in Lausanne stattfindet. Eine andere Art sich zu überzeugen, dass die Zeitmessung im Herzen einer Region, die für ihre Uhrmacherkunst berühmt ist, seit mehr als 5000 Jahren die Kreativität unablässig angeregt hat. Zu einem Zeitpunkt, da die Smartwatch für Schlagzeilen sorgt, würdigen diese Ausstellungen das Bemühen des Menschen, die Zeit physisch und poetisch zu meistern.

- Entschuldigung, haben Sie die genaue Uhrzeit?
- Die 31 Armbanduhren, die Berclaz de Sierre aus Zeitschriften ausgeschnitten hat, bilden einen Warteraum, in dem die Uhren darauf warten, Tagesdatum und Uhrzeit anzugeben: vermutlich 10:10, wie in allen entsprechenden Werbeanzeigen. In Anbetracht des Mondkalenders, des Tags und des Datums, die in diesen Bildern zu sehen sind, werden diese Uhren nur an ein paar wenigen Zeitpunkten zwischen 2016 und 2044 die genaue Uhrzeit angeben. Der Künstler nahm sich die Mühe, sie zu suchen, nun ist es an Ihnen, sich zu gedulden…

- Entschuldigung, haben Sie die genaue Uhrzeit?
- Die Zeit macht sich in dieser Ausstellung bemerkbar im Rauschen eines feinen Regens, das von 81 isolierten Sekundenzeigern auf monochromen Zifferblättern erzeugt wird, oder verrinnt im Quartett ohne Vergangenheit und Zukunft (Murmur Wall Time und Quartz Quartet, Bujar Marika). Sie tritt als Realzeit in gekautem Kaugummi und gefüllten Blasen auf (Bubble Clock, Le Gentil Garçon). Oder sie ist wie im 3. Jahrhundert v. Chr. eine der zwölf Gefährtinnen der Göttin Aurora, die am Himmel den Wagen des Helios lenken. So bestimmt sie den Lauf der Sonne über den Stränden von Santa Monia, Copacabana und Knokke, den Marin Raguz 24 Stunden lang gefilmt hat.

- Entschuldigung, haben Sie die genaue Uhrzeit?
- Macht sich die Zeit unsichtbar in der hypnotischen Komposition von Stéphane Blumer, findet sie sich gelegentlich als Gefangene wieder in fixen, mit dem Pinsel geschaffenen Bildern der Serie Vue vers le haut von Tami Ichino oder im Quadriptychon von Christian Vetter. Als angehaltene Uhr von Alfredo Aceto, von Kugeleinschlägen beschädigt - durch Soldaten anlässlich der Französischen Revolution, um die Zeit zu stoppen. Als Uhr im Video von Yaima Carrazana, in dem die Zeit deutlich sichtbar eines Tages um 7:15 und 19:15 stehengeblieben ist. Doch selbst blockiert, kann die Zeit nicht verhindern, dass sie vergeht: Das Wasser fliesst ständig vorüber, die Kähne tuckern vorbei, das Leben geht weiter. Ganz ähnlich erinnert uns die Uhr von Vincent Delmas daran, dass alles eitel und vergänglich ist: memento quia pulvis es («bedenke, dass du Staub bist»). Inzwischen lässt sich aber auch eine Lehre ziehen aus dem defekten Wecker von Beat Lippert: CQNPSRLPSCALR («ceux qui ne peuvent se rappeler le passé sont condamnés à le répéter» - «jene, die sich nicht an die Vergangenheit erinnern können, sind gezwungen, sie zu wiederholen»).

- Entschuldigung, haben Sie die genaue Uhrzeit?
- Durch ein grafisches Zifferblatt auf dem Boden angedeutet, verschmilzt die Uhrzeit mit anderen Zeitangaben, die in Form von Spiralen im menschlichen Massstab zu erfahren sind (Désorienteur temporel, Marie Velardi). Life Clock von Bertrand Planes bezieht sich auf ein ganzes Leben, da das Uhrwerk ungefähr 60 000 Mal verlangsamt wurde. Die von Mio Chareteau angegebene Zeit lässt sich direkt in einer achtstündigen Performance erfahren, in der 28 800 Sekunden eine nach der anderen aufgezeichnet und die Stunden übereinandergelegt werden.

Um die Erfahrung von Sekunden geht es ebenfalls bei der «Windrose» von Marco Godinho oder in Form des Intervalls in der Installation von Melik Ohanian. Schliesslich erinnern 60 Filmauszüge, die in 60 Videosekunden ebenso viele Uhrenbilder zeigen (Christoph Girardet), an das Grossprojekt Clock (2010) von Christian Marclay, das anlässlich der Biennale von Venedig 2011 ausgezeichnet wurde. Nach demselben Prinzip realisiert, das jedoch auf 24 Stunden ausgedehnt wurde, ist Marclays Clock in Realzeit zu erleben - die auf dem Bildschirm sichtbare Zeit ist identisch mit jener, die man erlebt. Girardet hatte seine bescheidenere Arbeit sieben Jahre zuvor entwickelt. Umgekehrt beeindruckte die nicht minder berühmte doppelte Küchenuhr von Félix González-Torres (Perfect Lovers, 1987-1990) zahlreiche Kunstschaffende, unter ihnen Patricia Reed oder Yann Sérandour, die sie einer Mise en Abyme unterziehen - eine Fotoedition, die ein Uhrwerk anhält, das eine Fotografie in Gang gesetzt hat.

- Entschuldigung, haben Sie die genaue Uhrzeit?
- Marcel Duchamp hätte wahrscheinlich mit einer Gegenfrage geantwortet: «Muss man reagieren gegen die Faulheit der Eisenbahn zwischen zwei Zugsdurchfahrten?» Auf diskrete und subtile Weise entwirft La Paresse (Bujar Marika) das Profil des französischen Künstlers, der auf diese Tugend, die viele für ein Laster halten, ein Loblied zu singen wusste. Das durch einen gekrümmten Uhrzeiger gestaltete Gesicht zeigt sich von der Seite und erinnert an Duchamps Idee, dass eine von der Seiten betrachtete Uhr keine Zeit mehr angibt.

- Entschuldigung, haben Sie die genaue Uhrzeit?
- Um Ihnen in dieser Ausstellung nichts zu verschweigen, lässt sich die «bonne heure» dem Wortrebus von Gérard Collin-Thiébaut entnehmen: Rosa Bonheur, Name einer Kunstmalerin des 19. Jahrhunderts aus Bordeaux. Und «l’heure exacte» (die genaue Uhrzeit) oder « leurre exact» (der genaue Köder) wird durch das Werk von Jérôme Hentsch angegeben.

- Entschuldigung, haben Sie die genaue Uhrzeit?
- Tatzu Nishi hätte Sie gerne eingeladen, die Turmuhr der reformierten Kirche von Yverdon-les-Bains aus einem Hotelzimmer zu betrachten, wie er dies zuvor bereits in Deutschland und Belgien getan hatte. Den Hauptschmuck dieses Zimmers hätte stricto sensu das blaue, mit Gold gehöhte Zifferblatt gebildet, um den Betrachter direkt mit dem für den öffentlichen Platz konzipierten Uhrwerk zu konfrontieren. Die Idee, aus einem öffentlichen ein häusliches Element zu machen, ist bis zur Stunde Projekt geblieben.

Karine Tissot
Übersetzung: Hubertus von Gemmingen

Vernissage le 29 août 2015, 17.00

Texte en français

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