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PAS DE DEUX – KG. CH.

DU 28 NOVEMBRE 2015 AU 14 FÉVRIER 2016

 

«Die ganze Welt möchte ich bereisen, um ihre verstreuten und regen Kräfte sozusagen zu erfassen und zu studieren» (Ella Maillart, Tribune de Genève, März 1937).

Für seine 10. Ausstellung erweitert das CACY den Horizont der zeitgenössischen Kunst bis nach Zentralasien. PAS DE DEUX – KG. CH. führt 15 kirgisische und Schweizer Künstler zusammen. Unter diesem Titel, der sich auf Französisch und Russisch gleich ausspricht, präsentiert die Schau eine Begegnung zwischen den beiden Ländern. Dabei reisten die meisten beteiligten Künstler für einen Aufenthalt, einen Austausch oder ein Projekt in das jeweils andere Land. Zwei geografisch weit auseinanderliegende Länder, die jedoch Gemeinsamkeiten haben: Sie sind beide Enklaven, werden von Bergen beherrscht und besitzen keinen Zugang zum Meer. So wird Kirgisistan die «Schweiz Zentralasiens» genannt, obwohl sein Territorium fünfmal grösser ist als jenes der Eidgenossenschaft. In der seit bald 25 Jahren unabhängigen ehemaligen Sowjetrepublik, die auf 1600 m Höhe ein berühmtes kleines Binnenmeer – den Yssykköl – besitzt, leben zahlreiche Volksgruppen, die dem Nomadentum nahestehende Traditionen pflegen (Kirgisen, Russen, Usbeken, aber auch Uiguren, Ukrainer, Tartaren, Tadschiken und Kasachen). Ella Maillart berichtete in Des Monts Célestes aux Sables Rouges (1934; dt. Ausgabe: Turkestan Soloeine abenteuerliche Reise ins Ungewisse, 1992) über die hohen Berge Kirgisistans – sie bedecken mehr als 90% der Landesfläche und sind zu 50% mehr als 3000 m hoch –, die sie zu Pferd überquerte, über die Weiden und Jurten, die sie besuchte. Mit ihrer Fotokamera schuf sie eindrucksvolle Schwarzweissaufnahmen, die das Kunstmuseum in Bischkek fast 70 Jahre später in Erinnerung an eine vergangene Zeit ausstellte.

Die Seidenstrasse, auf der einst mit Gewürzen, Seide und Duftstoffen beladene Karawanen aus dem Morgenland ins Abendland zogen, beflügelt auch heute noch unsere Fantasie. Mit ihren 16 000 Kilometern ist diese Route, die der westlichen Welt lange verschlossen blieb, seit etwa 20 Jahren erneut eine Realität, zum einen aufgrund der Zunahme der Erdöltransporte zwischen Mittlerem Orient und China, zum anderen wegen der chinesischen Exporte nach Europa. Was geschieht heute auf dieser Strasse, die China mit dem Mittelmeer verbindet? Kirgisistan, eine der fünf ehemaligen zentralasiatischen Sowjetrepubliken, wird in dieser Ausstellung in Videos, Fotografien, Installationen und Zeichnungen vorgestellt. (1) Eine riesige Eintrittskarte des Kunstmuseums von Bischkek (2015, Sophie Schmidt) lädt Sie zum Besuch der Ausstellung PAS DE DEUX: KG.-CH., die ebenso viele kirgisische wie Schweizer zeitgenössische Arbeiten präsentiert, vor allem jedoch dieses noch zu wenig bekannte ferne Land vorstellen möchte.

Von den Lastwagenkonvois, die das Land durchqueren (2) (Gulnara Kasmalieva und Muratbek Djumaliev, New Silk Road, 2006), und über Nomaden, die auf 3013 m Höhe ein Telefonnetz suchen (3) (Nadine Boller, Bloc, 2015), über einen 50-minütigen Film, der während einer dreimonatigen Velotour auf der Route Bischkek–Osch–Kaschgar–Urumtschi–Xian–Beijing gedreht wurde (Meka Muratova, One Silent Minute, 2014), bis zum Pamirgebirge (4)(Bermet Borubaeva, Chroniques de Murghab, 2011) erzählen die Werke vom augenblicklichen Wandel des Landes auf wirtschaftlicher, politischer und religiöser Ebene. Davon zeugen die städtebaulichen Veränderungen in Bischkek (5)(Shailo Djekshenbaev, Perestroïka, 2008) oder das Wiedererstarken des Islams (6) (Shaarbek Amankul, Ait Namaz, 2011–2015) seit dem Zusammenbruch der UdSSR mit einer Menschenmenge, die sich jedes Jahr während des Ramadan vor dem ehemaligen Sitz der kommunistischen Partei und mehr noch rund um die Statue Lenins versammelt – für ihn war Religion das Opium des Volkes. Im Augenblick da ein neues Kapitel beginnt, nimmt die wehmütige Erinnerung an die sowjetische Vergangenheit bei einem Teil der Bevölkerung zu, auch bei den Jugendlichen der Generation von Meka Muratova. In ihrem Video Frunze (7) (früherer Name von Bischkek) versucht sie vergeblich, den Lauf der Geschichte zurückzuverfolgen. Die Postkarten von (8) Diana Ukhina erinnern allerdings daran, dass die Lage der Frau kaum besser geworden ist.

Die eindrucksvolle Spiegelfläche der Werbetafel von (9) Kaspar Bucher spiegelt die eine Kultur in der anderen und erinnert an die zahlreichen ungenutzten Einrichtungen dieser Art an den kirgisischen Strassen. Ein handgemachter Filzteppich (10) auf dem Boden knüpft an die Tradition der «Shyrdak» an, und wie in Kirgisistan wurden Schwäne (11) in Reifen geschnitzt. Im Gegensatz zu diesen Skulpturen nimmt das Video von Peter Aerschmann (12) (Karakol, 2015, 10 Min.) den kleinen Dingen, die er an den ockerfarbenen Stränden des Yssykköl fand, jede Schwere. In ähnlicher Weise laden andere Arbeiten wie die Zeichnungen von Leyla Goormaghtigh (Totems, 2012 (13) und Knots, 2015 (14)) oder die aquarellierten Illustrationen von Marat Raiymkulov (15) zu orientalischen Träumereien ein. Dessen ungeachtet prangert der Letztere mit seinen hinterlistigen, bissigen Animationsfilmen auch Absurditäten, Ungerechtigkeiten des Lebens, Elend und Ungerechtigkeit an. Von Beruf Physiker, verbringt er seine Freizeit mit Zeichnen und Theaterspielen, um eine experimentelle Kunstform zu entwickeln, die sich auf die politische Aktualität wie auf Literatur und Philosophie stützt. Eine klare Linie, um der Trivialität des Alltags einen Ausdruck zu geben.

Wenn PAS DE DEUX: KG.-CH. ein Tanz ist, darf auch die Musik nicht fehlen. Sie erklingt insbesondere vom nicht mehr genutzten Turm des Konzertsaals L’Amalgame, wo das Kollektiv DOXA (Serguei Keller und Dmitri Petrovski) die zur Verfügung gestellten Mauern nutzte, um das Riesenporträt einer jungen Kirgisin auszuführen, die eine temir-kamouz-Maultrommel spielt.

Karine Tissot
Vernissage le 29 août 2015, 17.00

Texte en français

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