EXPOSITION en cours

LA GRANDE PLACE

DU 9 JUILLET AU 4 SEPTEMBRE 2016

«Wahrer demokratischer Fortschritt besteht nicht darin, die Elite auf das Niveau der Masse hinunterzuziehen, sondern darin, die Masse auf jenes der Elite emporzuheben», schrieb der französische Psychologe, Soziologe und Gelehrte Gustave Le Bon. Der Verfasser der Psychologie der Massen (1895) beeinflusste offensichtlich die Arbeit von Cyril Porchet, der – mittels seiner Fotografien – die Bewegungen bestimmter Massen zu verstehen sucht, zum Beispiel jener Menge, die jeden 15. Mai anlässlich der Festa dei Ceri, des Wachskerzenfests, die Piazza Grande im italienischen Gubbio in ein dreifarbiges Meer verwandelt.

In Yverdon-les-Bains bildet die vor dem Centre d’art contemporain (CACY) gelegene Place Pestalozzi den grossen Platz der Stadt. Zumindest wird sie zu diesem, wenn man sie in einem dialektischen Spiel zu La Placette (Das Plätzchen) in Lausanne in Beziehung setzt. Dieser in einem Schaufenster der Lausanner Innenstadt eingerichtete Raum für zeitgenössische Kunst, eine winzige Kunsthalle, bietet jeden Monat einer oder einem anderen Kunstschaffenden die Gelegenheit, ein Werk auszustellen, das auf die vorhergehende Arbeit anspielt. Seit der Eröffnung der Placette im Jahr 2004 haben nicht weniger als 144 Kunstschaffende diese Ausstellungsmöglichkeit genutzt. Da eine Placette per definitionem ein «kleiner Platz» ist, der in diesem Fall in einer grossen Stadt liegt, präsentiert das CACY in Yverdon-les-Bains, einer «kleinen Stadt, die einen grossen Platz besitzt», «La Grande Place», eine Gruppenausstellung mit einer Auswahl von 40 Kunstschaffenden, die bereits La Placette bespielt haben. Gemeinsam belegen sie den Ausstellungsraum, dessen Begehung durch eine von Delphine Renault konzipierte Vorrichtung namens «Transept» absichtlich verändert wurde. Dieses der räumlichen Beschaffenheit angepasste «Querschiff» bietet dem Besucher einen erhöhten Standort mit einem einzigartigen Blick auf die Kunstwerke, wie ihn das Schaufenster La Placette in anderer Form, doch mit nicht weniger Autorität gewährt. Anamorphose oder Spiegelung sind einige der Antworten, die von den ausgestellten Kunstschaffenden gegeben werden, um den Blick in seinem Verhältnis zum Werk eher zu amüsieren als zu frustrieren. Im Übrigen lässt sich unmöglich herausfinden, ob eine bestimmte Skulptur wirklich aus dem angegebenen Material besteht, oder ob ein Stuhl tatsächlich benutzt werden kann…

Auf einem Weg aus Holz bietet «Transept» einen Überblick über eine Art «Archäologie der Gegenwart», die beweist, dass sich auf einem äusserst beschränkten Territorium eine grosse Vielfalt künstlerischer Ausdrucksweisen zu entwickeln vermag. Ähnlich wie man eigentlich nicht von einer typisch schweizerischen Kunst sprechen kann, lässt sich auch nicht von einer typisch regionalen Kunst sprechen. Das hiesige Kunstschaffen ist vor allem durch seine Verschiedenartigkeit gekennzeichnet. Die Verfahren stellen sich in die lange Tradition von Malerei, Zeichenkunst, Plastik oder Architektur, wagen Experimente, passen sich exklusiv an den Ort an, spielen mit dem Vergänglichen oder der Geschichte, beziehen gelegentlich die – unabdingbare – Gegenwart des Besuchers ein oder reihen sich auf den Ausstellungswänden unauffällig aneinander. Es ist durchaus möglich, ein Bild sprechen zu hören, Bildfolgen ohne Comics zu lesen, scheinbare Glasgemälde wahrzunehmen, durch Schnüre gezeichnete Linien zu beobachten oder Siebdrucke zu rubbeln.

Ein Schmelztiegel, um einem Off-Ort der zeitgenössischen Kunstszene Ehre zu erweisen: als Raum mit poetischer Ausstrahlung bildet La Placette eine durchlässige Membran zwischen öffentlichem und privatem Bereich. Wie ein Element, das einen Bruch mit dem Alltag schafft, drängt sie sich den Passanten nicht auf, spricht ihn höchstens an, fällt jedoch nie lästig. Indem ein Schaufenster die zeitgenössische Kunst auf die Strasse bringt, popularisiert und demokratisiert es sie, da diese aus ihren sakralisierten und verschwiegenen Lieblingsorten (Atelier, Museum, Galerie…) hervorgeholt wird. So weiss der Besucher, wenn er «La Grande Place» verlässt, vielleicht mehr über diese seltenen nicht-kommerziellen Schaufenster, die im urbanen Raum anzutreffen sind … wie jenes, das seit einiger Zeit die Rue de la Plaine 47 in Yverdon-les-Bains verzaubert und sich so der grossen Familie der diskreten Fenster für zeitgenössische Kunst anschliesst – von Rodeo12 oder Milkshake Agency in Genf bis zur Galerie Saint-Séverin in Paris –, nicht zu verwechseln mit den «Arketing»-Schaufenstern (zwischen «Art» und «Marketing») der Galeries Lafayette, die seit 2013 der zeitgenössischen Kunst offen stehen und neue Werke zeigen, die geeignet sind, in einem Markt, in dem jeder etwas zu gewinnen hat, das Kaufhaus und das aktuelle Kunstschaffen zu fördern.

Karine Tissot
Vernissage, samedi 9 juillet, dès 17.00

Texte en français

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Ville d'Yverdon-les-Bains
   
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