EXPOSITION en cours

NO WALK, NO WORK

DU 24 SEPTEMBRE AU 4 DÉCEMBRE 2016

«No walk, no work» verkündete der britische Künstler Hamish Fulton, der seit den 1970er-Jahren durch die Welt zieht und seine «künstlerischen Wanderungen» als einzelgängerische Performances versteht. Wie er machen zahlreiche Kunstschaffende die Mobilität zu einem wichtigen Ausgangspunkt ihres Werkes, da sie überzeugt sind, künstlerisches Schaffen könne sich nicht auf Atelierarbeit beschränken. Ortsveränderung, Bewegung, Reise, Wettlauf als Wesenszug. Mit Ernst, Humor und Entschiedenheit. «Bekanntlich beruht die Illusion auf dieser Fülle kleiner Dinge; es fällt schwer, sie sich auszudenken, doch noch schwerer fällt es, sie wiederzugeben. Der Gestus ist manchmal genauso erhaben wie das Wort, und dann sind es alle diese Detailwahrheiten, welche die Seele auf die starken Eindrücke der grossen Ereignisse vorbereiten» (Eloge de Richardson, Diderot).

In den 1960er- und 1970er-Jahren begann man die Bewegung des Körpers im Raum nicht mehr als einfaches Darstellungsthema, sondern als integrierenden Bestandteil der künstlerischen Tätigkeiten zu betrachten, und die Aussenwelt wurde zum Arbeitsfeld. Erforschten die damaligen Künstler vor allem die Natur (Land Art), um damit die institutionellen Ausstellungsmodelle als Brennpunkt des künstlerischen Schaffens in Frage zu stellen, verlegen bestimmte zeitgenössische Wanderungen die von Künstlern wie Jean-Christophe Norman eingeschlagenen Wege in die Städte. Letzterer unternimmt lange Märsche in Städten (New York, Berlin, Paris, Posen, Piotrków Trybunalski, Metz, Wilna), zeichnet Kreidelinien auf den Asphalt, notiert die Zeit, die er für mehrere Kilometer aufwendet und «sucht sich dem unfassbaren Charakter des Lebens zu nähern».

Während Luzia Hürzeler von vornherein dazu einlädt, Höhe zu gewinnen, um die Bewegungen der Masse zu beobachten, die von den auf dem kreisförmigen Boden des Pantheons ausgestreuten Rosenblättern angezogen wird, drehen sich andere im Kreis, um das Unmögliche möglich zu machen: So erklärt Paul Viaccoz, dass er «aus Langeweile unterwegs ist, um vielleicht frische Luft zu tanken. […] Sich im Kreis zu drehen erzeugt Schwindelgefühle, der Ringelreigen ist nicht fern, und der Sturz unvermeidlich.» Als Gegenstück zeigt Andy Storchenegger einen Wettbewerb von Hamstern, die rennen, ohne von der Stelle zu kommen, und auf eine ausweglose Situation anspielen; die Räder drehen sich im Leerlauf. Die Kreisbewegung findet sich auch in der Form des riesigen Teilchenbeschleunigers des CERN wieder. Diesen 27 km langen Tunnel, der in einer Tiefe von 100 m verläuft, erforschte Gianni Motti im Jahr 2005 fast sechs Stunden lang im beherzten, doch vergeblichen Versuch, dem Anti-Motti (sic) zu begegnen, da die Anlage dazu dient, Materie (Protonen) und Antimaterie aufeinander treffen zu lassen. Das gleiche Gefühl eines unaufhörlichen Marsches empfand Massimo Furlan, als er im Jahr 2015 des Nachts den Tunnel des Grossen St. Bernhard durchquerte, um mit seinem eigenen Körper den Grenzübergang zwischen zwei Ländern physisch zu erfahren. Plötzlich gewinnt der Raum eine Bedeutung, obwohl die Leistung den Verlust von Anhaltspunkten in einer stillstehenden Zeit bewirkt. Anne Rochat wagte ein teilweise ähnliches Experiment, als sie 13 km im kalten Wasser des Lac de Joux zurücklegte. Eine nächtliche Durchhalteübung, die in Realzeit ins Schweizer Kulturzentrum in Paris übertragen wurde.

Der Tänzer Foofwa d’Imobilité hat sich vor einigen Jahren in den Kopf gesetzt, an Marathons tanzend teilzunehmen. Während der Vernissage im CACY kann das Publikum live miterleben, wie er in Talk.Dancewalk die Route d’Orbe in Yverdon entlang tanzt, und seine Kommentare vernehmen, die von seinem Stress zeugen, rechtzeitig im Centre d’art anzukommen. Eine performative Herausforderung, der er sich mit Humor stellt, während Jérémy Chevalier in einer industriellen Lagerhalle, deren Betrieb durch seine Präsenz in nichts gestört wird, eine antispektakuläre, komplexfreie und dennoch ernsthafte Choreografie vorführt. Die dynamische Performance von Li Ming erfordert so viele Fortbewegungsweisen, wie er auf seinem Weg findet, indem er von einer Stimmung zur nächsten wechselt und verschiedene Atmosphären in einem Rhythmus aneinanderreiht, der durch das ständige Eingehen auf die sonderbarsten Risiken bestimmt wird. Schliesslich ist Roman Signer, unbestrittener Performance-König der Selbstverspottung, der bei einem Gang über einen zugefrorenen Teich ins Eis einbrach, doch glücklicherweise gerettet wurde, als unumgängliche diesbezügliche Referenz in unserer Ausstellung vertreten.

Im Jahr 2010 wurde Beat Lippert mit 9 Minuten und 14 Sekunden neuer Rekordhalter des Wettlaufs durch den Louvre. Eine Hommage an den Film Bande à part von Jean-Luc Godard (1964), in dem die drei Hauptfiguren versuchen, den von Jimmy Johnson aufgestellten Rekord des schnellsten Museumsbesuchs zu brechen. Eine Geschichte, die auch auf Wunsch von Mario Garcia Torres von drei Jugendlichen in einem Museum von Mexico nachgespielt wurde. Godard (Pierrot Le Fou, 1965) wird ebenfalls zitiert in Qu’est-ce que je peux faire, j’sais pas quoi faire von Charlotte Guinot-Bacot, während die sportliche Herausforderung auch bei Neal Beggs nicht fehlt, dessen Lieblingsbezugspunkt die hier in einen urbanen Kontext versetzte Bergwelt ist; er erinnert damit an eine andere Aktion (Surfaceaction, 2002), in der er in Paris mit Eispickel und Stegeisen die Wände einer Galerie bestieg.

Kunstschaffende wie Elodie Pong, Jérôme Leuba und Camille Llobet verzichten darauf, ihre Performance selbst darzubieten, und delegieren die Bewegung an Berufstänzer. Vom Einfluss der Schwerkraft befreit, mit Wiederholungen choreografiert, die verschiedene Konnotationen auslösen, beziehungsweise von einer dreifachen Annäherung gerahmt, die der Abstraktion nahekommt, erzeugen die Ortsveränderungen zahlreiche Resonanzen.

Mit einem bescheideneren Kraftaufwand lässt der Pentacycle von Vincent Lamouroux und Raphaël Zarka die 18 km lange Teilstrecke wiederaufleben, auf der die Versuche des Aérotrain des Ingenieurs Bertin stattfanden, ein Luftkissenfahrzeug, das in den frühen 1970er-Jahren getestet, doch aufgrund mangelnder Verkaufschancen zugunsten insbesondere des TGV aufgegeben wurde. Ist hier von Fahrzeugen die Rede, so setzen sich bei Virginie Delannoy Objekte in Bewegung, in denen das Imaginäre das Reale bereichert: Ein Heizkörper begibt sich nach La Brévine, und ein Stuhl steigt auf die Aussichtstürme der Schweiz. Auf ihre Einladung – und auf jene von Dominique Page und Julia Sørensen – können Sie, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer, ein Objekt, das sie loswerden wollen, im CACY abgeben*. Ihre Hände sind leer? Dann betreten Sie die Patinoire von Régis Perray, eine einmalige Gelegenheit, um zu erkennen, dass das Kunstwerk manchmal keine Bedeutung hat ohne Bewegung: «No walk, no work.»

Karine Tissot
(Deutsche Übersetzung: Hubertus von Gemmingen)

*Wenn Sie die frei zugängliche Ausstellung des Centre d’art contemporain besuchen, bringen Sie uns ein Objekt mit, das Sie gerne loswerden möchten. Ob ein Steinchen vom Strassenrand oder das Büfett Ihrer Urgrossmutter, diese Objekte werden Bestandteil einer evolutiven und performativen Installation von Dominique Page, die, von Julia Sørensen und Virginie Delannoy betreut, dank Ihnen bis zum Ende der Ausstellung (4. Dezember) ständig wächst. Calder

Vernissage, samedi 24 septembre, dès 17.00

Texte en français

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