EXPOSITION en archives

 

Ricochet

Du 3 mars au 27 mai 2018

Mit einer überraschungsreichen Hängung präsentiert die Ausstellung RICOCHET – das Wort bedeutet Abpraller, Aufsetzer, aber auch Kettenreaktion – einen spannenden Dialog zwischen den Werken des F.A.V. (Fonds d’art visuel de la Ville d’Yverdon-les-Bains) und den Arbeiten von dreizehn eingeladenen Kunstschaffenden. Letztere, die in verschiedenen Kantonen tätig sind, haben eine Gemeinsamkeit: Sie leben alle mit einer Behinderung und stehen folglich am Rand der offiziellen zeitgenössischen Kunstszene.
Wie dem auch sei: zwischen den formalen oder konzeptuellen Erkundungen der einen wie der anderen gibt es – gelegentlich verblüffende – Korrespondenzen, dank denen die ausgestellten Werke sich auf neue Art verstehen lassen.
Der seit 1980 bestehende Fonds d’arts visuels de la Ville d’Yverdon-les-Bains (F.A.V.) umfasst mehr als 500 Werke, die mehrheitlich zwischen dem Beginn der 1960er-Jahre und heute geschaffen wurden. Seit seiner Gründung im Jahr 2013 betreut das Centre d’art contemporain diese Sammlung und gewährleistet ihre Sichtbarkeit im öffentlichen Raum.

SO WEIT DER BLICK REICHT
Die Darstellung der natürlichen oder urbanen Landschaft ist ein zeitübergreifendes Leitmotiv des F.A.V. Das Aquarell von Edmond Bornand, das von 1926 datiert, spiegelt die damalige Vorliebe für eine naturgetreue, geografische Wiedergabe des Territoriums. Der Blick von oben auf die Schlösser der Region Yverdon ist von der Sehweise dieses Künstlers geprägt, der seine Leidenschaft für die Malerei mit jener für Fotografie und Bergsport zu verbinden verstand. Vom Neuenburgersee zum Genfersee: der Genfer Vincent Civitillo bringt die kartografischen Codes zum Umstürzen, indem er sich mit seinem expressiven Gestus die Pläne seiner Stadt aneignet. In Panique au-dessus de Cugy wird man erneut vom Schwindelgefühl einer Vogelperspektive erfasst. Bernard Grandgirard gestaltet in dieser Zeichnung einen Alptraum, in dem ein Flugzeug in seinem Dorf abstürzt. Mit Hilfe von Google Maps hat der Künstler alle Elemente seiner Region mitsamt seinem eigenen Wohnhaus getreu reproduziert, wobei es ihm gelingt, mit einer filmischen Bildeinstellung die Emotion und Dynamik der Handlung wiederzugeben.
In der künstlerischen Arbeit von Pascale Favre präsentiert sich die Landschaft als erlebter, geträumter oder idealisierter Ort. So erscheint sie in den beiden Postkarten von Yverdon-les-Bains, welche die Künstlerin im Auftrag der Stadtverwaltung schuf. Die Stadt schwebt in einem traumhaften Licht. Der feine schwarze Strich, der die Umrisse der Häuser und Baudenkmäler angibt, zeugt von verschiedenen divergierenden Fluchtpunkten, welche die Zentralität der Place Pestalozzi aufbrechen und die Konturen der Stadt ins Unendliche erweitern. Im Gegensatz dazu drängeln sich im Dorf von Monique Mercerat die Bauten um den Ortskern, während die umliegenden Felder ein geometri­sches Ornament bilden.
Nach diesen Ansichten aus der Vogelperspektive drängen sich die von Frédéric Clot gezeichneten Häuserriegel der Viertel von Lissabon dem Betrachter von einem tief gelegenen Standpunkt auf, der sie umso bedrohlicher erscheinen lässt. Klärt uns der Titel dieser Serie über den Ort auf, der einem urbanistischen Alptraum entsprungen scheint und dessen Gebäude abstossen statt anziehend zu wirken, so erlaubt kein weiteres Indiz, die portugiesische Hauptstadt zu identifizieren, die sich der Waadtländer Künstler zum zweiten Wohnsitz gewählt hat. Es könnte sich um irgendeine Stadt handeln, die er auf einer seiner zahlreichen Reisen gezeichnet hätte.
Die Gewohnheit, das Abbild eines Durchgangsorts festzuhalten, bevor es aus dem Gedächtnis ver­schwindet, steht im Mittelpunkt der Arbeit von Aloys Perregaux. Im Gegensatz zu einer Fotografie illustriert die Druckgrafik des Neuenburger Malers mit ihren klaren Linien eine Fassade im Stil unterschiedlicher Kulturen. Eine kombinatorische Architektur, die es zu ergänzen gilt, wie die Linien andeuten, die nicht bis zum Rand reichen. Kuppeln, Halbkreisbögen, Fenster mit Glasmalereien; diese wenigen, von Laurent Waeyenbergh kraftvoll gezeichneten Elemente lassen uns ihrerseits in eine geheimnisvolle Exotik eintauchen, die einem Comic von Corto Maltese gleicht.
Die Häuser und Landschaften, die Monique Mercerat zeichnet, sind durch die Schweizer Volkskultur, aber auch durch ihre eigenen Träume angeregt. Der Bildraum ist völlig gesättigt, so dass die Fülle der Details die traditionelle Unterscheidung zwischen Figur und Hintergrund auslöscht. Man könnte an eine Art Horror vacui denken oder im Gegenteil den sinnenfreudigeren Ausdruck Amor infiniti verwenden, mit dem der Kunsthistoriker E. H. Gombrich das Ornament bezeichnete.
Das Gleiche gilt für die psychedelischen Landschaften von Rosalina Aleixo, in denen zahllose farbige geometrische Elemente ein Mosaik bilden, das Türme, Gewölbe, Treppen und freistehende Bögen darstellt. In den Architekturen von Diego sind die geometrischen Linien Teil eines Gitters, das ihnen eine strenge Ordnung gibt; sie bilden ein sorgfältiges Pattern, das sich zweidimensional entfaltet. Im Unterschied dazu ermöglicht die Raumprojektion von Alberto Sartoris, Architekt und Verteidiger der Axonometrie, dasselbe Gebäude gleichzeitig aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Er benutzte diese Darstellungsweise in einer Serie von Siebdrucken, die zugleich die entscheidende Rolle der Farbe illustrieren, welche er für die vierte Dimension der Architektur hielt.
Von einem Architekten wie Sartoris, der die Malerei in die Reflexion über den Raum einbezog, gelangen wir zu einem Maler, Fernand Léger, der die Architektur mit seinen monumentalen Fresken in Beschlag nahm: Véronique Bovet erweist ihm eine Hommage mit einem Porträt, auf dem er, an seinem Arbeitstisch sitzend, Häuser zeichnet. Mit ihrem naiven Strich hebt die Freiburger Künstlerin die Raumtiefe auf und erforscht auf elegante Weise alle Abstufungen von Schwarz bis zu Weiss, die ihr Bleistift ihr bietet.

METEOROLOGIEN
Die gleichen Farbabstufungen findet man in einer Gruppe von Skulpturen des F.A.V. wieder, die von dem heutigen plastischen Schaffen zeugen. Nach dem Vorbild von Meteoriten aufgereiht, die durch dasselbe Kraftfeld angezogen werden, sind diese Objekte aus Faience, Bienenwachs, Raku, Glas, Keramik oder Acrylharz durch einen Wechsel zwischen Glanz und Opazität, glatten Flächen und den Spuren des Brands oder des Fossils gekennzeichnet.
Auf poetische Weise scheinen diese «Meteorologien» denselben Zweck zu verfolgen: das Natürliche mit dem Künstlichen kombinieren (Philippe Barde), mit chemischen Zufällen experimentieren wie jenen eines Steins, der Luftschichten durchquert hat (Annick Berclaz, Elsbeth Vuadens-Truninger, Gilles Boss) oder mittels Formguss die Replik eines Steins vortäuschen. Das Letztere hat sich Beat Lippert mit seiner Serie «Duplication» zum Ziel gesetzt, zu welcher der hier gezeigte Stein gehört. Diese Serie beruht auf einer Reflexion über Fälschungen, die von Historikern vorgenommen werden, wenn sie die Spuren der Vergangenheit wiederzubeleben suchen. Für den Anthropologen Marc Augé1 bringt unsere Epoche nicht mehr die Zeit auf, die es braucht, damit sich Ruinen in unsere Landschaft einfügen können. Dennoch «sind sie der Höhepunkt der Kunst, insofern die zahlreichen Vergangenheiten, auf die sie sich in unvollständiger Weise beziehen, ihr Rätsel verdoppeln und zugleich ihre Schönheit steigern». Diese mächtige, plastische und zeitlose Schönheit hat Sophie Mottet erfasst, als sie einen der Menhire von Clendy unweit des Neuenburgersees zeichnete, eine rekonstruierte Fundstätte mit uralten Monolithen neben Betonkopien.
Ockerfarbene Wolken auf blauem Grund, Tropfen und schwebende Teilchen bilden die metaphysische Landschaft von Perrine Lapouille, die diese «Meteorologien» weiterführt. Ihr Bild begleitet das Gemälde «Corona» von Franziska Furter, das mit auf Wasser schwimmender Tinte geschaffen wurde, und die Installation «Liberté et Patrie» von Sophie Bouvier Ausländer, eine luftige Skulptur des Territoriums, die aus Strassenkarten des Kantons Waadt zusammengesetzt ist.

1 Marc Augé, Le temps en ruines, Paris 2003.

VARIABLE GEOMETRIEN
Mit dem Wechsel von Volumen zu Farbflächen lässt diese Ausstellung auch die geometrische Abstraktion zu Ehren kommen und präsentiert eine Werkgruppe des F.A.V., die vom Pionier Arthur Jobin zu den nachfolgenden Generationen mit Jean-Luc Manz, Claude Augsburger, Gilles Porret und Karim Noureldin reicht. Diese Gemälde bieten unserem Blick ihre Primärfarben und Flächen, ihre geometrischen oder abstrakten Formen, ihre Linien und Kurven dar. Gemeinsam ist all diesen Künstlern das Verfahren, jedes neue Motiv in Serien zu erproben, bis es erschöpft ist.
Gleich gehen auch Christoph Marti mit seinen hier in einem Buch vereinten Farbquadraten und Silvia von Niederhäusern mit ihren farbigen Kreisen vor.

GENRE
Der gelbe Lack des Bilds «Bande commune n°21» des Viviser Künstlers Alain Huck tropft träge von den Rändern, während die Skulptur «Frutti di mare» von François Ruegg, ein Rettungsring, dem langsam die Luft ausgeht, oder ein als Seeigel getarntes Präservativ, zahlreiche Tropfen rinnen lässt. Die Serie der Keramik-«Pimmel» von Sabrina Renlund bildet dazu ein Echo: angeberisch, stachlig, deprimiert oder verloren inmitten von Frites. Die Genfer Künstlerin lässt die Attribute der Männlich­keit und Weiblichkeit mit ätzendem Minimalismus und beissendem Humor Revue passieren. Ihre gesichtslose «Coiffure pour toi» mit grünen Locken auf orangem Grund befindet sich neben der Assemblage aus Lockenwicklern, die von Nadeln gehalten werden, einer Skulptur von Sylvie Fleury, deren leer drehendes Räderwerk durch die plastische Fröhlichkeit der Rundungen und Farben kompensiert wird.

WAPPENKÜNSTLER
Dieses Traveling endet mit dem «Blason» von Hadrien Dussoix, ein Wappen, das zugleich Logo, Auszeichnung und heraldische Signatur ist, mit welcher der Künstler seine öffentliche Identität je nach seiner Tätigkeit neu erfindet. Vielleicht auch eine Art Zauberschild, um sich vor den Erwartungen anderer zu schützen.
Gleich wie der schottische Künstler Scottie Wilson, der es trotz seiner Mittellosigkeit vorzog, seine Zeichnungen an Strassenpassanten zu verkaufen, statt sie einem Galeristen zu überlassen. Seine Werke sind keine eigentlichen Wappen, doch von ihrer Struktur her mit diesen verwandt: Eine zentrale Totemfigur wird in symmetrischer Weise von Dekorelementen gerahmt.
Der Genfer Jean Weber liess sich von solchen Vorlagen anregen, um mit einer Fülle von Symbolen aus der Schweizer Volkskunst seine eigenen Wappen zu erfinden.
Der Ausstellungsparcours hätte mit dieser Suche nach Identität beginnen können, diesem Schwanken zwischen Individualismus und dem Wunsch, Teil einer Gemeinschaft zu sein, der alle Künstler angehören möchten. Doch auch hier geht es um das, was Ann Veronica Janssens mit vertauschten Buchstaben auf ein Genfer Gebäude schrieb: L’ODRRE N’A PAS D’IPMROTNCAE.

RICOCHET verfolgt das Ziel, die öffentlichen Sammlungen aufzuwerten, den Kunstschaffenden mit einer Behinderung die Möglichkeit zu bieten, ihr Werk mit dem Kulturerbe zu konfrontieren, und den Austausch zwischen dem Zentrum und den Rändern der Kunstszene zu fördern. Im Jahr 2017 dank einer Partnerschaft mit dem Fonds d’art contemporain de la Ville de Genève (FMAC) erstmals organisiert, ist diese Ausstellung das Resultat einer Carte blanche, die das Centre d’art contemporain von Yverdon-les-Bains der Vereinigung Out of the Box – Biennale des Arts inclusifs erteilte.

Texte et commissariat
Teresa Maranzano et Nicole Reimann

Texte en français

Autour de l'exposition

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